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“Einen Kaffee bekommt bei uns jeder!” Bahnhofsmission, Barrierefreiheit und Bürgergeld: Religionsphilosophischer Studientag für Q1 und Q2

„Kaffee, Mittagessen, Mobilität, Obdachlosenhilfe, Umsteigehilfe“, so fasste Doris Vogel-Grunwald die Publikumsassoziationen zum Begriff „Bahnhofsmission“ zusammen und bestätigte: „Einen Kaffee bekommt bei uns jeder – und auch ein Brot, wenn er oder sie es braucht.“ Es ist wieder Religionsphilosophischer Studientag an der Cäcilienschule für die Jahrgänge 12 und 13, eine Einrichtung mit mittlerweile über 20-jähriger Tradition. Im zwei Rhythmus von zwei Jahren setzen sich die Jugendlichen mit einem Oberthema wie „Zukunft“, „Medien“ oder „Kurswechsel“ auseinander, nach einem Impulsvortrag bearbeiten sie es in Arbeitsgruppen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven von Sprache und Literatur über Geschichte, Politik, Religion, Philosophie bis hin zu Kunst und Musik.

In diesem Jahr ging es um das Thema „Am Rande der Gesellschaft“, doch wie bewerten wir eigentlich den Begriff „Rand“? Diesen Gedanken warf die Fachobfrau Ina Maria Goldbach in ihrer Begrüßung auf. Beim Reihenhausgrundstück und Kastenkuchen mit dicker Schokoladenkuvertüre durchaus positiv, überlegte sie, verspräche man sich dabei doch einen größeren Garten und deutlich mehr Schokolade als bei anderen Stücken. Und bei der Gesellschaft? „Die meisten Menschen werden bei Menschen, die „am Rande der Gesellschaft“ leben, nicht an den genügsamen Einsiedler im Wald oder den genialen Erfinder in seiner einsamen Garage denken, sondern an diejenigen, die von der Gesellschaft selbst an den Rand gestellt werden.“

Und diese Menschen und die Arbeit mit ihnen durch die Bahnhofsmission brachte die Diakonin Vogel-Grundwald den Schülerinnen und Schülern in beeindruckender Weise nahe, indem sie bei der Erfahrungswelt der Jugendlichen anknüpfte: „Schaut euch um, ihr seid etwa 200. Noch etwa zwei 5. Klassen zahlenmäßig dazu, das ist die Menge an Menschen zwischen 18 und 25 Jahren hier in Oldenburg, die obdachlos ist.“ Diese Zahl hallte nach, und Vogel-Grunwald malte die Szenerie beeindruckend kontrastieren weiter aus: Während die Personen im Publikum an diesem kalten Wintermorgen im kuscheligen Bett aufgewacht seien, hätten die 250 Obdachlosen in Oldenburg unter einer Tischtennisplatte auf einem Spielplatz geschlafen oder an eine Hauswand gelehnt. Der Schlafsack habe dabei vielleicht zunächst gewärmt, aber nach spätestens zwei Nächten sei er feucht und trockne bei diesem Wetter nicht mehr, so dass er kaum noch Schutz und Wärme biete. Während für die einen der Gedanke an eine Nacht im Freien vielleicht Abenteuer verspricht, bedeute Wohnungslosigkeit für die „U25“, dass ein geregelter Tagesablauf nur schwer möglich sei und damit auch ein Schulbesuch oder eine Ausbildung; Substanzen wie Alkohol lockten dann, „um es einfach auszuhalten“. Die etwa 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bahnhofsmission haben kein Patentrezept zur Problemlösung parat, aber sie folgen dem Motto: „Sag mir, was dein Problem ist, und dann gucken wir gemeinsam, wie man es vielleicht lösen kann, und ich versichere dir, dass ich diesen Weg ein Stück weit mit dir gemeinsam gehe.“ Dazu braucht es Vertrauen, dass durch den berühmten Kaffee als Türöffner aufgebaut werden kann: Mit Milch und Zucker oder lieber ganz schwarz? Vogel-Grunwald zeichnete ein buntes Bild der etwa 100 Gäste, die pro Tag in der Bahnhofsmission Oldenburg vorstellig werden – von der jungen Mutter, die keine Gelegenheit hat, ihr Baby zu wickeln, Fahrschüler, die bei Kälte oder Hitze die Wartezeit auf Bus oder Bahn überbrücken und von zwei pensionierten Oberstudienräten noch eben Vokabeln abgehört werden, über Junkies auf Entzug bis hin zu Obdachlosen, die werktags täglich nach Post fragen, weil auch das etwas ist, was die Bahnhofsmission anbietet: eine postalische Erreichbarkeit, die Grundlage ist für beispielsweise die Kommunikation mit Ämtern und Behörden. Gestrandete Bahnreisende bekommen ebenso eine Tasse Kaffee wie ein Junkie auf Entzug oder Menschen mit psychischen Problemen, die darum nicht arbeiten gehen können. Vogel-Grunwald bezeichnete die Bahnhofsmission als einen „Seismographen der Gesellschaft“, denn „hier werden die Probleme der Gesellschaft früh und schnell deutlich“. Warum eigentlich hier am Bahnhof? „Wer nicht sichtbar sein will, der wird hier nicht gesehen.“ Der Bahnhof als Ort des Ankommens und Wegfahrens sei ein Ort mit viel Bewegung, genau wie auch Einkaufszentren. Wer hier länger verweile, der falle in dem Gewusel der Reisenden und Einkaufenden nicht auf, es gäbe so auch kein Stigma. Eine Dreiviertelstunde lang berichtete Vogel-Grunwald von ihrer Arbeit in der Bahnhofsmission, und ein so konzentriertes Zuhören wie in dieser Zeit gibt es sicherlich nicht in jeder Unterrichtsstunde, die die Schülerinnen und Schüler täglich erleben und gestalten. Im Anschluss an den Vortrag fragte eine Schülerin, vermutlich gleichsam stellvertretend für andere Zuhörende im Raum, nach Möglichkeiten des Engagements und der Mitarbeit bei der Bahnhofsmission auch für Jugendliche – ein deutliches Zeichen dafür, dass der Impulsvortrag von Doris Vogel-Grunwald nachhaltig beeindruckt hat.

Im Anschluss vertieften die Schülerinnen und Schüler die Frage nach Menschen am Rande der Gesellschaft ganz unterschiedlich: Eine Gruppe setze sich beispielsweise mit dem Bürgergeld auseinander und überprüfte in einem Supermarkt konkret, inwieweit eigene Einkaufsvorlieben mit einem Budget des Bürgergeldes vereinbar wären, andere Gruppen überlegten, welche Rolle die Sprache bei Inklusion oder auch Ausgrenzung spielen kann und besuchten dafür einen Vortrag beim DRK. Eine Gruppe setzte einen historischen Schwerpunkt und besuchte die Gedenkstätte „Alte Pathologie“ in Wehnen, eine andere wurden künstlerisch aktiv und gestaltete Zeichnungen und Skulpturen. In einigen Workshops waren Externe zu Gast, beispielsweise eine Rollstuhlfahrerin, die aus eigener Erfahrung und aufgrund ihres Engagements im Behindertenbeirat sehr versiert zum Thema Barrierefreiheit mit den Jugendlichen arbeiten konnte. Besonders interessant war der praktische Teil dieses Workshops, als die Schülerinnen und Schüler selbst einmal ausprobieren durften, mit welchen alltäglichen Schwierigkeiten man mit einem „Rolli“ zu kämpfen hat. Kleine Unebenheiten auf dem gepflasterten Weg zum Dobbenhof, eine niedrige Metallkante an der Tür zum Foyer oder das Kopfsteinpflaster zwischen Bürgersteig und Straße am Haarenufer waren den Jugendlichen bisher kaum aufgefallen, stellten jetzt aber auf einmal echte Hindernisse dar, und die vorhandene Rampe erwies sich als erstaunlich steil.

Aufmerksamkeit entwickeln für die Bedürfnisse und Lebenswelten anderer Menschen und gedanklich oder auch praktisch einmal einen Perspektivwechsel vornehmen – das sind einige der Ziele, die die Cäci mit ihrem Religionsphilosophischen Studientag erreichen möchte.

Text: Gb, Foto(s): Gb

Auch das gemeinsame Mittagessen in der Aula an liebevoll gedeckten Tischen (mit Tischdecke und Deko!) zum Abschluss gehört bei diesem Studientag dazu.

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